Igel-Leistung
Wenn der Arzt zum Selberzahlen rät
15.10.2011
Von Isabell Noé
Mit individuellen Gesundheitsleistungen, sogenannten Igel, machen Ärzte Milliardenumsätze. Doch nicht alles, was der Arzt empfiehlt, ist sinnvoll. Bevor man selbst in die Tasche greift, sollte man einige Fragen klären.
Ob Praxisgebühr oder Zuzahlungen in der Apotheke – Kassenpatienten sind es inzwischen gewohnt, dass sie zusätzlich zum Monatsbeitrag noch weitere Kosten tragen müssen, wenn sie krank werden. Deshalb wundert es viele auch nicht weiter, wenn ihnen der Arzt in der Sprechstunde Maßnahmen oder Untersuchungen ans Herz legt, die sie leider selbst bezahlen müssen.
Individuelle Gesundheitsleistungen – kurz Igel - nennt man diese Wunschbehandlungen, die im Einzelfall sinnvoll sein können, aber von der gesetzlichen Krankenkasse nicht übernommen werden. Dazu gehören Vorsorgeuntersuchungen und spezielle Beratungen ebenso wie rein kosmetische Maßnahmen. Rund 15,8 Millionen solcher Leistungen haben die Patienten allein 2010 in Anspruch genommen, das hat jetzt die AOK ermittelt. Für die reformgeplagten Ärzte sind die Igel ein hübscher Zusatzerwerb: 1,5 Milliarden Euro haben sie im ablaufenden Jahr auf diese Weise dazuverdient, 50 Prozent mehr als 2008.
Dieses Wachstum kommt nicht von ungefähr: Die Pharmabranche investiert einiges, um Ärzte und Praxispersonal zu Verkäufern zu schulen. Während Allgemeinärzte ihre Patienten eher selten aktiv ansprechen, sind Augenärzte, Gynäkologen und Urologen besonders empfehlungsfreudig, wohl auch, weil hier viel Raum für Früherkennungsuntersuchungen ist. Verbraucherschützer und Krankenkassen sehen die Entwicklung eher skeptisch. So warnt Klaus Zok vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, Patienten könnten durch die Igel-Angebote verunsichert werden. Zum Teil würden Mediziner sogar ganz normale Kassenleistungen privat abrechnen, etwa bestimmte Ultraschalluntersuchungen. Dabei setzen die betreffenden Ärzte auch darauf, dass sich gesetzlich Versicherte bisweilen als Patienten zweiter Klasse fühlen. Davon sollte man sich nicht verunsichern lassen: Das, was medizinisch wirklich notwendig ist, wird von den Kassen in aller Regel auch bezahlt.
Wenn Patienten selber fragen
Dennoch können Igel eine sinnvolle Ergänzung sein. Und manchmal fragen Patienten auch selbst danach. Wenn sich etwa ein Hobby-Läufer vor dem ersten Marathon einer sportmedizinischen Vorsorgeuntersuchung unterzieht, ist das gut und richtig, genauso wie der Impfschutz vor der Reise in exotische Länder. Und wenn ein angehender Friseur-Azubi schon im Vorfeld sein Allergierisiko prüfen lässt, kann das später Ärger vermeiden. Akupunktur ist eine Leistung, die viele Versicherte von sich aus wünschen, die aber nicht alle Kassen bezahlen. Auch für optische Korrekturen wie die Entfernung von störenden Muttermale, Besenreisern oder alten Tattoos greifen Patienten in die eigene Tasche. Bei größeren kosmetischen Eingriffen sollte man aber die Risiken im Auge behalten: Geht etwas schief, wird die Krankenkasse die Kosten für Folge-Operationen zurückfordern.
Vorsorge ohne Anfangsverdacht
Von vielen Igeln hören die Patienten aber zum ersten Mal, wenn der Arzt sie darauf anspricht. Welcher gesunde Mann würde schon von selbst nach einer Blutuntersuchung zum Prostata-spezifischen Antigen fragen? Welche Frau würde ohne Anzeichen von Osteoporose eine Knochendichtemessung veranlassen? Gerade Schwangere sind empfänglich für kostenpflichtige Extras, wenn sie denn dem Kindswohl dienen. Und so zahlen viele bereitwillig, etwa für Toxoplasmose-Tests oder zustätzliche Ultraschall-Untersuchungen, das sogenannte Baby-Fernsehen. Über den Sinn solcher Maßnahmen lässt sich streiten. Egal ob bei Erwachsenen oder bei Ungeborenen: Wenn es Auffälligkeiten gibt, dann übernehmen die Kassen auch die Vorsorgeuntersuchung. Maßnahmen, deren Wirkung nicht zweifelsfrei erwiesen ist, gehören allerdings nicht zum Leistungskatalog.
Igel-Leistung
Seite 1: Wenn der Arzt zum Selberzahlen rät